Beispiele aus der Prüfungsvorbereitung

Fallbeispiel 1

Eine Schülerin ist zu mir in die Prüfungsvorbereitung gekommen, die gerade durch die Prüfung gefallen war.
Wo war das Problem, was war passiert?
Sie hatte perfekt gelernt, hatte auf jede Frage, die ich ihr gestellt habe eine perfekte, ausführlichste Antwort.
Meine erst Reaktion war: Wow, super gelernt, aber ich hätte sie auch durchfallen lassen. Warum? Weil sie wie ein „Maschinengewehr“, ohne Punkt und Komma geantwortet hat und ihr ganzes Wissen sehr auswendig gelernt klang. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie wirklich verstanden hat, von was sie da eigentlich sprach und ich konnte sie als Mensch, als Therapeut nicht „fassen“. Sie wirkte nicht authentisch. Aus meiner Sicht war sie so „eine Gefahr für die Volksgesundheit“ und genauso schienen das auch die Prüfer gesehen zu haben.
Solche Situationen begegnen mir sehr häufig in der Prüfungsvorbereitung. Die Schüler sind nicht authentisch genug, sie verstecken sich, sind als Mensch nicht „greifbar“ und das ist etwas, was Prüfer grundsätzlich nervös macht. Sie sollen ja einschätzen, ob jemand „eine Gefahr für die Volksgesundheit ist“, aber wenn derjenige sich „versteckt“, können sie das nicht. Sie haben dann einfach ein unbestimmtes, ungutes Gefühl, nach dem Motto „hier stimmt doch was nicht“ fragen dann nach, gehen in die Tiefe und fragen unter Umständen so lange, bis der Prüfling keine Antwort mehr weiß. Damit ist er durchgefallen und versteht die Welt nicht mehr. Meist wird dann auf die Prüfer geschimpft. Ungerechtfertigter Weise!!
So war es auch bei meiner Schülern. Als wir ihre Situation etwas „aufgedröselt“ hatten, haben wir folgendes festgestellt: Sie hatte einfach eine unglaubliche Angst, dass sie etwas gefragt werden könnte, was sie nicht wies. Deshalb hat sie unglaublich viel gelernt, einfach um sich abzusichern. Sie hat quasi ihr Wissen als Schutzschild genutzt und hat sich dahinter versteckt.
Ich habe dann versucht herauszufinden, wer sich hinter dem Schutzschild versteckt und habe sie unter anderem gefragt, wie sie später als Therapeutin arbeiten möchte. Da hat sie mir erzählt, dass sie schon länger als Coach arbeitet, dass sie sich schon einen Raum eingerichtet hat und dass sie sich sehr darauf freut therapeutisch arbeiten zu können (es stünden schon Patienten in der „Warteschleife“). Als sie das alles erzählte fing sie plötzlich an zu strahlen, veränderte ihre Körperhaltung, war auf einmal präsent und voller Lebensfreude. Von der Angst war nichts mehr zu spüren. Sie wirkte wie ausgewechselt. Ich fragte sie dann noch, wie sie bisher gearbeitet hat und es stellte sich heraus, dass sie schon sehr kompetent und verantwortungsvoll mit Menschen gearbeitet hat. Sie war definitiv keine Gefahr für die Volksgesundheit. Weil sie sich so versteckt hatte, konnten die Prüfer das nur nicht erkennen. Sie haben nur die Angst wahrgenommen.
Die Lösung war letztendlich, dass sie die Situation verstanden hat und das sie sich in der nächsten Prüfung mehr gezeigt hat. Dazu hat sie sich immer wieder visualisiert, wie sie in der Praxis sitzt und mit Patienten arbeitet, hat sich klar gemacht wie schön sich das anfühlt, dass sie alles mitbringt, um mit Menschen arbeiten zu können und das sie das auch zeigen darf. Symbolisch für diese Freude und ihre Persönlichkeit, hat sie einen Gegenstand in der Hosentasche mit in die Prüfung genommen.
Mit Erfolg, im zweiten Anlauf hat sie die Überprüfung bestanden.
Vielleicht sollte ich noch kurz anmerken: Es geht in der Prüfung nicht darum, dass man alle innerlichen Konflikte aufarbeitet, sondern dass man sich dieser Konflikte bewusst wird und ein kleines bisschen den „Konfliktknoten“ löst. Das reicht in der Regel aus, damit die Prüfer einen als authentisch erleben. Der Konflikt liegt quasi offen und kann nicht mehr unterschwellig, unbewusst die Prüfungsstimmung „kontaminieren“.
  
Fallbeispiel 2

Eine Schülerin hat schon über 8 Jahre als Coach gearbeitet und wollte jetzt auch psychotherapeutisch arbeiten. Sie war im Grunde schon eine erfahrene Therapeuten mit einem wirklich fundierten Wissen.

Ihr Problem war nur, dass sie trotzdem durch die Überprüfung beim Gesundheitsamt gefallen war.

Wie konnte das passieren?

Nachdem ich mit ihr eine Prüfung simuliert hatte, war der Grund dafür relativ schnell klar: Sie hatte in der Prüfung für das Fallbeispiel ihr Anamneskonzept, dass sie schon Jahre in ihrer Praxis nutzte, angewandt. Dieses Konzept entsprach allerdings überhaupt nicht dem Konzept, was die Prüfer von den Prüflingen erwarten (klassische Anamnese und psychopathologischen Befund).
Mit anderen Worten: Ihr Konzept war mit dem Konzept der Prüfer nicht kompatible.

Die Lösung war, dass sie die „Prüfungsstruktur“ gelernt hat. Das war allerdings eine sehr große Herausforderung, weil sie sich komplett neu umstrukturieren musste (sie war ihr Konzept ja seit 8 Jahren gewohnt). Die Abwehrhaltung war da am Anfang sehr groß. Frei nach dem Motto:“Jetzt muss ich mich hier verstellen und mich diesen bescheuerten Vorgaben anpassen!!!!!!!“.

Es hat so eine Weile gedauert, bis sie eingesehen hat, dass nun mal eine bestimmte Struktur in der Prüfung gefordert wird. Dabei hat ihr geholfen, sich 1. ihr Ziel klar zu machen („Ich will die Prüfung bestehen. Ich brauch den Schein unbedingt für meine Arbeit“), 2. den Kampf gegen die „Autoritäten“ aufzugeben („Ich will mich aber nicht anpassen“ umzuwandeln in „ok, um mein Ziel zu erreichen ist es notwendig einen Kompromiss zu einzugehen“) , 3. hat sie die Erfahrung gemacht, dass die „neue“ Struktur ihr durchaus auch Halt und Sicherheit für die Prüfung gab und wenn sie sie befolgte, im Grunde gar nichts schief gehen konnte und 4. sie ihre therapeutische Kompetenz auch über die neue Struktur einbringen konnte (sie musste sich also nicht verstellen und konnte authentisch bleiben).

So war ihr Fazit: „Ah, es macht absolut Sinn die neue Struktur zu nutzen“.

Dieser notwendigen „Umstrukturierung“ begegne ich in der Prüfungsvorbereitung sehr häufig und erlebe es immer wieder, dass gestandene Therapeuten durch die Prüfung fallen, weil sie nicht in der Lage waren, sich der Prüfungsstruktur anzupassen.

Da die Ursachen der „Prüfungsstrukturablehnung“ unterschiedlich sein können und daher auch unterschiedliche Vorgehensweisen in der Prüfungsvorbereitung notwendig sind, werde ich in Zukunft noch einige unterschiedliche Beispiele vorstellen.
  
Fallbeispiel 3
„Die können mich mal!!“ Dieser Trotzeinstellung gegenüber der Prüfungskommisssion beim Gesundheitsamt begegne ich in der Prüfungsvorbereitung immer wieder. Mal nehmen die Schüler die Haltung ganz offen ein, oft aber auch versteckt. So oder so ist diese Haltung eher ungünstig für den Verlauf der Prüfung.

Ein Beispiel: Ein Schüler der zu mir kam, hatte ausreichend gelernt, konnte sich gut darstellen, überzeugend auftreten und hatte auch die nötige Struktur, war aber trotzdem durch die Prüfung gefallen. Vordergründig hatte er eine Wissensfrage nicht beantworten können.
Wie sich dann im Prüfungstraining herausstellte, lag das eigentliche Problem nicht in seinem Wissen begründet, sondern in seiner Haltung.
Im Grunde war ein „Freigeist“, hatte viele Interessen, viele Ausbildungen, war sehr kreativ und offen. So saß er mir gegenüber.
Gleichzeitig schwang in seinem Auftreten aber auch eine unterschwellige Aggression mit. Als ich ihn darauf ansprach sagte er sinngemäß:„Ja, ich muss mich da in eine Form pressen lassen und irgendwelche Erwartungen erfüllen. Das war früher auch schon immer so!“. Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass er sehr unter den überhöhten Ansprüchen seines Vaters gelitten und sich eine Haltung angeeignet hatte, die ihm in der Prüfung auf die Füße gefallen war: Nach außen nett und freundlich sein und innerlich den „Stinkefinger“ zeigen.
Prüfer nehmen so ein ambivalentes Verhalten war und reagieren meist ziemlich genervt und ebenfalls mit Abwehr. So entsteht in der Prüfung meist eine „angespannte Stimmung“.

Nachdem dem Schüler seine Ambivalenz bewusst wahr genommen hat, er sich noch einmal klar gemacht hat, dass die Prüfer keine Stellvertreter seines Vaters sind und er sich auch noch einmal auf sein Ziel fokussiert hat (er wollte die Prüfung unbedingt bestehen, weil er anfangen wollte therapeutisch zu arbeiten), war der Weg frei. Er hat die nächste Prüfung bestanden.
  
Fallbeispiel 4
 Also wirklich, ich habe mein Abitur bestanden, meine Führerscheinprüfung, bin Diplomingenieur und dann falle ich durch diese popelige Heilpraktikerprüfung!! Wie kann den das sein???
Diesen Satz höre ich so öfter. Dafür kann es natürlich sehr unterschiedliche Gründe geben. Allerdings ist mir gerade bei solchen Schülern aufgefallen (die bisher alle wichtigen Prüfungen erfolgreich absolviert haben), dass sie alle eine Gemeinsamkeit haben: Sie waren bisher in Berufen tätig, die sie nicht wirklich ausgefüllt haben, die sie z.B. aus Pflichtbewusstsein gewählt haben. Es war aber nie das, was sie wirklich machen wollten. Beim Heilpraktiker für Psychotherapie war es nun das erste Mal in ihrem Leben anders. Dieser Beruf war ihr Herzenswunsch und den wollten sie nun leben.
Genau hier liegt aber gleichzeitig auch das Problem. Sie haben gelernt sich anzupassen, dass es nicht gut ist, wenn man sich zeigt, wenn man sich lebt und seinen Sehnsüchten folgt. Da sie es jetzt anders machen wollten, wurden die alten „Ich verstecke mich lieber und passe mich an-Mechanismen“ aktiviert. Für diese Mechanismen geht es oft ums „Überleben“, frei nach dem Motto:“HALT, STOPP, es ist doch viel zu gefährlich sein eigenes Leben zu leben!!!!!“ Genau diese Mechanismen haben dann auf die unterschiedlichste Art die Prüfung sabotiert.
Die Lösung dieser „Ambivalenz“ (zwischen „Ich will mein Leben leben“ und „Es ist doch viel zu gefährlich“) lag dann meist darin, dass die Schüler sich den Konflikt bewusst gemacht haben und sich noch einmal bewusst für die „Ich will mein Leben leben“ Seite entschieden haben. Dabei war es auch sehr wichtig die andere Seite auch zu würdigen und nicht zu bekämpfen. Sie hatte ja mal eine wichtige Funktion.
Durch diese Bewusstwerdung, die Akzeptanz beider Seiten und der Entscheidung sein Leben leben zu wollen, war der Weg frei. Die Prüfungen wurden bestanden.